Rezension zu: "Somnium aeternitatis. Ein Kommentar zu Lucii Annaei Senecae epistulae morales ad Lucilium"
StR i.K. Dr. Michael Stierstorfer, Besprechung von: Grau, Jeremias: Somnium aeternitatis. Ein Kommentar zu Lucii Annaei Senecae epistulae morales ad Lucilium. liber XVII, 101-103, Winter: Heidelberg 2023, 416 S., 59 €, ISBN: 9783825-395353.
Graus Kommentar widmet sich vor allem den umfangreichen und gehaltvollen philosophischen Lehrbriefen 101-103 aus dem 17. Buch, die Seneca an Lucilius geschrieben hat. In einem knappen Forschungsüberblick macht er ein wissenschaftliches Desiderat für die Kommentierung der gerade genannten Briefe aus, weil u.a. das Konzept der Unsterblichkeit der menschlichen Seele und Senecas Aussage zur Notwendigkeit der Vorbereitung auf den Tod noch nicht in aller Breite und Tiefe analysiert oder nur im umfassenden Kontext aller Epistulae Morales betrachtet worden seien. Ein akribisch ausgearbeiteter Unterpunkt behandelt die Überlieferung des 17. Buchs der Epistulae morales. Hier erweist Grau die Wichtigkeit des Codex Bambergensis, welcher im Umfeld des Hofes von Karl dem Großen als Abschrift von einem Unzialcodex entstanden ist. In Bamberg ist auch die vorliegende Dissertationsschrift entstanden. Formal sauber werden sodann alle im Text verwendeten Abkürzungen knapp erläutert.
In einer fundierten Einführung definiert Grau zunächst thematisch zielführend und vorentlastend die Begriffe ‚Schlaf‘ und ‚Traum‘. So verfolge Seneca laut Grau die Ansicht, dass Traumbilder, sog. somnia, nur in einem leichten Schlafzustand möglich seien. Sodann grenzt Grau mithilfe der Theorie von Macrobius unterschiedliche Arten der Illusionen einleuchtend voneinander ab, wobei er auch die wichtige Rolle eines oraculum im Sinne einer göttlichen Mantik zu bestimmen vermag. Diese begrifflichen Ab- und Eingrenzungen erfolgen stets mit Blick auf die profunde Analyse und Kommentierung der Episteln 101-103, in denen der Tod als ein Wechsel in einen Traumzustand, das Fortbestehen der Seele und die Philosophie als Schutz vor der Heimtücke der Menschen im Mittelpunkt stehen (Vgl. die ebenso übersichtlichen wie gründlichen Gliederungen der drei Seneca-Briefe: S. 89 / 167f. / 317)
Sodann folgen konkrete Beispiele zur Rolle von Träumen und des Schlafs in der antiken Literatur, die Grau hinsichtlich ihrer Funktionalisierung thematisiert, um sich eine Vergleichsfolie für deren Verwendung in den Briefen von Seneca zu erarbeiten: Zu Homers Odyssee führt Grau an, dass in diesem archaischen Epos nur Träume mit bescheidener Optik realistische Träume sein können. Sodann interpretiert Grau beispielhaft Motive des Somnium Scipionis aus dem sechsten Buch von Ciceros staatsphilosophischem Werk De re publica, in dem einem außerordentlichen Staatsmann postmortaler Ruhm versprochen wird. Als interessant erweist sich in diesem Exkurs die Erkenntnis, dass die literarische Gattung des Briefs besonders oft Berichte über Träume aus den Werken griechischer und römischer Autoren enthalte. Gerade für Seneca stehe laut Grau die Alternierung von Traum und Erwachen für den Wechsel zwischen philosophischen Systemen wie der Stoa und dem Platonismus. Weiterhin ergänzt Grau literarisch bewandert die Funktionalisierung von Traum und Schlaf in prominenten Werken wie der Thebais des Statius, den Metamorphosen des Apuleius oder denjenigen des Ovid.
Sodann fokussiert Grau vielseitig und differenziert die variationsreichen Traumbilder in Senecas Episteln. Hierbei orientiert sich Seneca laut Grau u.a. stark am platonischen Höhlengleichnis, an der Mythologie des Aristoteles und an Platons erkenntnistheoretischem Dialog Theaitetos. Anhand einschlägiger Zitate analysiert Grau auch die Verehrung von Dichtern sowie die Arten des Nachruhms großer Männer in Senecas Briefen, um so für seine Leserschaft eine Art Katalog der Tugend (virtus) zu etablieren, nach der Lucilius bzw. der philosophisch zunächst laienhafte Leser in ihrer Entwicklung als prokoptontes (proficiscentes) streben sollten. Solche Aspekte verbinden auch die drei von Grau analysierten Briefe 101-103, sodass dadurch die Homogenität des Textkorpus überzeugend zutage tritt. Zudem wird in allen drei Briefen Lucilius, der offenbar fiktive und schülerhafte Adressat der Briefe, dazu ermuntert, die für ihn passende Art der Philosophie zu finden.
Das Herzstück, nämlich die ausführlichen und detailgenauen Kommentare zu den gerade genannten Episteln, ist sehr konzise und sehr nachvollziehbar ausgearbeitet, sodass die Glossierung nicht nur für Literaturwissenschaftler eine herausragende Hilfestellung zur Entschlüsselung der Briefe bietet, sondern auch für Lehrkräfte, die ihren Schülerinnen und Schülern in der Oberstufe profundes Wissen über Senecas Episteln weitergeben wollen.
Kurze Zusammenfassungen eines jeden Briefs vor dessen akribischer Kommentierung bieten einen erleichternden Einstieg in die hochphilosophische und transzendentale Thematik der drei Texte, die sich laut Grau kontrastiv in Leben (Epistel 101) – Tod (Epistel 102) – Leben (Epistel 103) unterteilen lassen. Durch treffende Zwischenüberschriften neben den Paragraphen, welche die Texte unterteilen, entlastet Grau das sich Einfinden in diverse philosophische Thematiken passend vor. Immer wieder geht er anhand von treffenden altgriechischen Zitaten etwa von Platon auf die intertextuellen philosophischen Anspielungen ein, mit denen Seneca seine philosophischen Lehrmeinungen und Therapieansätze in der reichen Tradition verankert.
Ein übersichtliches Orts- und Personenregister am Ende ermöglicht eine zielgenaue Suche und erleichtert eine kursorische Lektüre. Die sich weit verzweigenden und vielseitigen Literaturhinweise im Verzeichnis ermutigen den literaturwissenschaftlichen Leser oder auch die Lehrkraft der Oberstufe, tiefer in die Senecaforschung einzusteigen. Letzteres ist gerade auch für philosophische wissenschaftspropädeutische Seminare zentral.
Als Fazit lässt sich über die herausragende Dissertation von Grau Folgendes konstatieren: In den übersichtlich gekennzeichneten Kommentaren zu den einzelnen Paragraphen der Briefe finden sich nicht nur zielführende inhaltliche, sondern auch gekonnte stilistische sowie konzise grammatische Erklärungen, sodass dieser Kommentar als Schlüssel zum tieferen Verständnis der Episteln 101-103 des Seneca gelten kann und Standards für die künftige philologisch-philosophische Kommentierung von Senecas Schriften gesetzt hat. Durch Graus geschickte Verquickung von Inhalts- und Stilanalyse in den Kommentaren wird Senecas rhetorisches Können nachvollziehbar für alle Leserinnen und Leser einleuchtend und nachhaltig offengelegt.
